Die Sami auf der russischen Halbinsel Kola

von Yvonne Steplavage

Kola Halbinsel

Die russische Kola Halbinsel

In den folgenden Abschnitten möchte ich auch auf die Geschichte der samischen Bevölkerung auf der russischen Kola-Halbinsel eingehen, die sich von der ihrer Verwandten in Lappland in einigen Punkten unterscheidet. Früher spielte in der Religion der russischen wie auch der im Norden Skandinaviens lebenden Sami der Schamanismus sowie die Verehrung verschiedener Naturgötter eine entscheidende Rolle. Auf der Kola-Halbinsel begann die Christianisierung im Lauf des 16. Jahrhunderts. Diese hatte eine kulturelle Annäherung sowohl der samischen als auch der russischen Bevölkerungsgruppe zur Folge. Dies lässt sich auch heute noch vor allem am Kunsthandwerk der Ureinwohner erkennen. Doch trotz der Angleichung legten die Sami ihren ursprünglichen Glauben zunächst nicht vollständig ab. Die Vermischung beider Religionen stellte für sie kein Problem dar. Durch den weiteren Verlauf der Geschichte sowie den durch die Sowjetunion vorangetriebenen Atheismus spielt der Schamanismus bei den Sami, im Gegensatz zu anderen Naturvölkern, in der heutigen Zeit kaum noch eine Rolle.

Da das russische Zarenhaus größeren Einfluss auf die samische Bevölkerung gewinnen wollte, siedelte es im Jahr 1868 die ebenfalls indigenen Völker Komi und Nenzen auf der Kola-Halbinsel an. Ebenfalls wurde den Sami Steuerfreiheit gewährt.

Die Sowjetmacht prägte schließlich die Geschichte der Ureinwohner der Kola-Halbinsel grundlegend. Im Jahr 1924 begann sie dort mit entscheidenden Reformen. Um die sozialistische Ideologie zu stützen, wurden im gesamten Gebiet Schulen eingerichtet, wo die Kinder der Ureinwohner in ihrer Muttersprache unterrichtet wurden. Des Weiteren führte die sowjetische Regierung eine Aktion gegen Analphabetismus. Auch entstand in dieser Zeit die samische Schriftsprache. Aus Quellen geht allerdings hervor, dass die Sami auf den weiterführenden Schulen auf Russisch unterrichtet wurden.

Anfang der 1930er Jahre griff die Regierung auch in die Rentierzucht der Ureinwohner der Kola-Halbinsel ein. Im Rahmen des Kommunismus wurden die Herden kollektiviert und zu genossenschaftlichen Großbetrieben zusammengefasst, die man in der Sowjetunion auch als Kolchosen bezeichnete. Die Sami, die es gewohnt waren, mit ihren Rentieren von einem Ort zum anderen zu ziehen, wurden nun gezwungen, in festen Siedlungen zu leben.

In den 1940er wurde der Wohnraum der Ureinwohner der Kola-Halbinsel weiter begrenzt. Die Gründe waren vor allem der Bau von Militär- und Industrieanlagen sowie diversen Kanälen und Staudämmen. Als Folge mussten verschiedene Sami-Siedlungen verlegt werden.

In der heutigen Zeit sind die Kola-Sami vor allem in der Mitte der Halbinsel sowie in deren Norden beheimatet. Ihre Zahl wird auf etwa 2000 Menschen geschätzt. Als ihr Zentrum gilt das Dorf Lovozero, das sich im mittleren Teil von Kola befindet. Insgesamt gibt es bei den russischen Sami zwei Zentralorganisationen. Bei der ersten handelt es sich um die Organisation der Kola-Sami, auch AKS genannt. Deren Vorsitzende, Nina Afanasjeva, traf sogar einmal mit dem deutschen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen. Die zweite Organisation nennt sich OOSMO und dient als Berufsschule.

Die samische Sprache tritt bei den Ureinwohnern immer mehr in den Hintergrund. Sie wird mittlerweile nur noch von ca. 44 Prozent der Kola-Sami gesprochen. Ähnlich wie bei ihren Verwandten in Lappland spielt hier die Rentierzucht eine große Rolle. Allerdings wird diese nur noch von einer Minderheit betrieben. Der Grund ist auch hier in der Geschichte zu finden. Das indigene Volk der Komi, das seit dem 19. Jahrhundert auf der Kola-Halbinsel siedelt, betreibt ebenfalls Rentierzucht. Dies führte schon damals zu Konflikten und Rivalität zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, wobei zuletzt die Komi als die Überlegenen hervorgingen. Daher arbeitet die Masse der Kola-Sami in der heutigen Zeit in anderen Berufen, wie zum Beispiel Jäger, Fischer, Schreiner oder auch Lehrer. In der offiziellen Statistik sind nur relativ wenige Sami arbeitslos. Man geht allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit wird auf über fünfzig Prozent geschätzt.

Die soziale Situation der russischen Sami gilt im Allgemeinen als problematisch. Vor allem Alkoholismus ist weit verbreitet. Es wird vermutet, dass ein großer Teil der Todesfälle unter den männlichen Sami auf diesen zurückzuführen ist. Viele sterben durch Schlägereien oder auch in der eisigen Kälte, wenn sie so betrunken sind, dass sie ihren Weg nach Hause nicht mehr schaffen und im Schnee einschlafen. Die Lebenserwartung liegt bei den männlichen Sami nur bei 44 Jahren. Ebenfalls bei den Frauen nimmt der Alkoholismus stetig zu. Der Grund ist vor allem, dass viele dieser Menschen ihre Lage als aussichtslos betrachten.

Allerdings hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts vieles für die in Russland lebenden Sami verbessert. Dies hat vor allem auch mit Beziehungen zu ihren „Verwandten“ in Skandinavien zu tun. Von diesen erlernten die Kola-Sami die Kunst des Holzwerkens. Mittlerweile werden zahlreiche dieser Werke auf dem Markt zum Verkauf angeboten. Auch gab es bereits etliche Hilfsaktionen finnischer Sami. Unter anderem sammelten sie Geld und Kleider und veranstalteten weiterhin diverse Projekte.

Eine ebenfalls positive Entwicklung ist die Wiederentdeckung der ursprünglichen Kultur. Viele der russischen Sami tragen mittlerweile wieder ihre traditionelle Tracht, unter anderem bei Festlichkeiten. Ebenfalls wurden zahlreiche Sing-, Tanz- und Theatergruppen ins Leben gerufen, in denen die samische Kultur gelebt wird.
 

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